Herford. Das alte Jahr endete für Stefan Hageböke, den reisefreudigen Mitarbeiter der NW-Lokalsportredaktion, mit einem Besuch in Belgien. Das neue begann er ebenfalls in Belgien. Er besuchte in den Provinzen West- und Ost-Flandern jeweils ein Fußballspiel und konsultierte insgesamt zehn Brauereien. Es handelte sich also um eine Flandern-Rundfahrt der besonderen Art. Hier ist sein Bericht:
Gähnende Leere herrscht auf dem Sportplatz an der Priester-Pattynstraat in Kachtem. Ist die rund 75 Kilometer betragende innerbelgische Rochade aus der landesweit brauereiträchtigsten Provinz Ostflandern in den mittleren Osten des benachbarten Westflandern etwa völlig für die Katz? Nicht ganz. Als der Kolumnist bereits über der scheinbar erforderlichen Änderung seines Reise-Drehbuches brütet, weist ein Einheimischer den Weg zum Ausweichquartier in die Hauptgemeinde Izegem. Im Stedelijk-Stadion des Viertligisten KFC hat der VK Kachtem inzwischen Unterschlupf für seine Heimspiele in der 4. Provinzialklasse gefunden. Auf das vorzügliche Internetportal "Voetbalkrant.be" ist also doch Verlass.
Während sich der Fußballkreis Herford unter freiem Himmel in einem gut dreimonatigen Winterschlaf befindet, rollt in Belgiens tiefster Spielklasse am ersten Samstag im Januar bereits wieder der Ball. Etwa 100 Zuschauer haben sich auf der imposanten Haupttribüne oder im Klubheim eingefunden und freuen sich über ein klares 5:0 ihrer auf Rang vier stehenden Kachtemer gegen die im unteren Drittel stehenden "Patronaats" aus Gits.
Zurück in Ostflandern steht im ebenfalls beschaulichen Wetteren des abends der Zweitliga-Kick vom Schlusslicht Standard gegen den nur um zwei Tabellenplätze besseren AFC Tubize auf dem Programm. Die vielleicht letzte Chance auf den Klassenerhalt vergeigen die durchschnittlich nur jedes dritte Match einmal treffenden Gastgeber vor 626 Zuschauern insbesondere in der ersten Halbzeit, wo eklatante Unsicherheiten des Gästetorwarts bei hohen Bällen ungenutzt bleiben. Anstelle der fälligen Führung geht Standard Wetteren mit 1:2 in die Kabine und gerät im zweiten Durchgang nach erneut erfolgloser Drangphase, einem Platzverweis sowie einem weiteren Gegentreffer endgültig auf die Verliererstraße.
"In der dritten Liga wären wir wahrscheinlich wohl doch besser aufgehoben. Bei uns spielen ausschließlich Halbprofis", beurteilt Standard-Pressesprecher Klem de Gussem die Situation aufgrund der finanziell ungleichen Verhältnisse. Mit Ausnahme zweier weiterer Ligarivalen entlohnen alle anderen belgischen Zweitligaklubs ihre Spieler als Vollprofis. Die von den beiden ortsansässigen Journalisten gestellte Frage nach etwaigen Verstärkungen verneint Trainer Kris van der Haegen mit dem Hinweis auf das stark limitierte Budget. Wetterens Verantwortliche sind realistisch genug, um den sich abzeichnenden Abstieg aus dem Profi-Unterhaus nach dreijähriger Zugehörigkeit zu begreifen.
Im Gegensatz zu den Erstligisten besticht das zentral gelegene Marcel-de-Kerpel-Stadion dafür aber durch Vorzüge in der geografischen Infrastruktur. Die leckeren Speisen der direkt ums Eck gelegenen "Frituur 2000" dürfen sogar ins Stadion mitgebracht werden. Die dortigen kulinarischen Attraktivitäten, zahlreiche unentdeckte Brauereien sowie die hiesige andauernde Spielpause lassen auf eine baldige Neuauflage der etwas anderen Flandern-Rundfahrt schließen.