Paderborn. "Ich bin wieder hier, in meinem Revier", sang vor einigen Jahren Marius Müller-Westernhagen. Musikalisch setzte er um, dass es davor ruhig um ihn geworden war. Als Pavel Dotchev am Mittwoch zum Tresen schreitet, um seinen Kaffee zu bezahlen, blickt er kurz in die Runde. "Ich bin wieder hier", sagt er denjenigen, die es irgendwie nicht mitbekommen haben, dass er in den vergangenen Monaten nicht in seinem Revier war.
Und die Verse des Musikers treffen zu 100 Prozent auf den Ex-Fußballer und Trainer zu. "Nach den Erfahrungen, die ich jetzt in Bulgarien gemacht habe, weiß ich, wo ich hingehöre", verrät er. In der Zeit davor sei er auch immer wieder mal "hin- und hergerissen gewesen. Man weiß nie genau, wo man nun wirklich hingehört." Seine dreimonatige Amtszeit bei Bulgariens früherem Vorzeigeklub ZSKA Sofia aber "haben mir die Augen geöffnet", sagt er. Sein Heimatland sei ihm mittlerweile "sehr viel fremder".
Und weil man hinterher im Leben sehr viel oft erheblich schlauer sei als zuvor, "hätte ich den Job in Sofia mit der Sichtweise von heute sicher nicht noch einmal angenommen." Eigentlich hatte Dotchev bis zum Sommer 2010 nie ein Geheimnis daraus gemacht, keine große Lust auf einen Trainerjob in seinem Geburtsland zu verspüren. Dann aber klopfte eben ZSKA an. "Da war in der Vergangenheit so viel schief gelaufen, dass mir klar war: Wenn die anrufen, wollen die auch was verändern", war Dotchev offensichtlich bereit, in Sachen Bulgarien umzudenken.
Dann aber wurde der Fußball-Lehrer sehr schnell von der Vergangenheit eingeholt. Keine Spur vom Willen, wirklich etwas verändern zu wollen. Statt dessen Intrigen und wenig professionelle Herangehensweise an wirklich elementare Dinge. "Ich hätte auf Zeit spielen können, um mich weiter auf der Fußballbühne – auch international – zu präsentieren", so Dotchev. Dann aber hätte er nicht mehr seinen Weg gehen können. Der Wahl-Paderborner wörtlich: "Ich hätte mich selbst belügen müssen."
"War nie wirklich weg, hab mich nur versteckt", dichtete Westernhagen einst weiter. Zwar hat sich Dotchev nicht wirklich in Sofia versteckt, aber gedanklich war er auch nie richtig weg aus Paderborn, absolvierte sogar ein Trainingslager mit ZSKA in Bad Lippspringe. Vor allem zu den bekannten Anstoßzeiten der Bundesliga "verspüre ich eine große Anspannung und bin natürlich emotional bei den Spielen ganz anders dabei, als jeder andere", klopft sein Fußballerherz immer noch für den SCP. Obwohl die Wunden, die zwei Trennungen von diesem Klub hinterlassen haben, längst nicht verheilt sind.
Besonders übel nimmt er es dem Verein, dass "ich 2007 noch nicht einmal zum Jubiläum eingeladen worden bin, obwohl ich von den Fans zum Trainer des Jahrhunderts gewählt worden bin." Noch viel mehr geht er mit sich selbst ins Gericht, im März 2009 den Spielen des SCP gegen Regensburg und in München den Vorzug vor der Beerdigung seines eigenen Vaters gegeben zu haben. Wenige Wochen danach sei er auf recht seltsame Weise abserviert worden. "Das werde ich mir nie verzeihen", sagt der 44-Jährige.
"Ich rieche den Dreck, ich atme tief ein und dann bin ich mir sicher, wieder zuhause zu sein." Und wer den Refrain Westernhagens bis zum Ende liest, mag auch dort Parallelen entdecken. "Paderborn hat mich wieder", wobei Pavel die Region meint, für die er sich mit seiner Familie entschieden hat. Paderborner Fußball müsse ohne ihn auskommen. "Es bestehen auch keine Kontakte mehr", versichert er. Dafür werde er jetzt wieder in anderen Stadien präsenter. "Ich werde wieder von freitags bis sonntags unterwegs sein", ist er überzeugt, dass "ich wieder auf die Fußballbühne zurückkehre. Man muss nur ein wenig Geduld haben."
Spieler und Trainer
Der 44-jährige Pavel Dotchev spielte viele Jahre für den SC Paderborn, bevor er 2003 zum Cheftrainer aufstieg. 2005 führte er den SCP zum Aufstieg in die 2. Liga. Sein Vertrag aber wurde nicht verlängert. Dotchev wechselte nach Erfurt und kehrte im Februar 2008 zum SCP zurück. Im Mai 2009 war aber auch seine zweite Amtszeit beendet.