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23.12.2009
Wie die Werbung, so der Durst
Alkoholsponsoring umstritten / Experten sehen Gefahren für Kinder
VON ARIANE MÖNIKES

Ein Gläschen in Ehren | FOTO: GETTY IMAGES

Bielefeld. Die Türen der Straßenbahn öffnen sich an der Haltestelle Hauptbahnhof. Zwei junge Fußballfans, nicht älter als 13, torkeln in den Waggon. Den Vereinsschal um den Hals geschmissen, das viel zu große Trikot mit dem Brauerei-Schriftzug über die dicke Winterjacke gestreift. Sie prosten sich mit Bier zu. "Vorglühen" nennen sie das. Die beiden sind auf dem Weg zum Fußball.

Die Szenen in den Städten ähneln sich in ganz Deutschland vor jedem Bundesligaspiel. In den Stadien setzt sich das Trinkgelage fort. Für den Gütersloher Pädagogen Hermann Strutz ein unhaltbarer Zustand: "Leistungssport darf nicht mit Alkohol in Verbindung gebracht werden." Zum Bier in der Hand beim Spiel kommt die Werbung auf Banden und Trikots.

Info

Anekdoten über Fußballer und Alkohol

  • Arminia Bielefelds Trainer Ernst Middendorp wird am 21. April 2007 nach einem 3:2-Sieg beim VfL Wolfsburg schlafend in seinem Dienstwagen aufgefunden. Die Polizei nimmt eine Blutprobe ab: 1,8 Promille. Ein Jahr Fahrverbot.
  • Ex-Profi Michél Mazingu-Dinzey (VfB Stuttgart, 1860 München) gesteht im letzten Jahr, täglich eine Flasche Wodka getrunken zu haben. Jahrelang ist der heute 37-Jährige dem Alkohol verfallen. Zu seinen schlimmsten Zeiten trinkt er schon mittags.
  • Werner Biskup belohnt sich auf dem Höhepunkt seiner Trainer-Karriere mit Alkohol. Eigenen Angaben zufolge braucht er in den 80-ern morgens ein halbes Glas Wodka.
  • Der Brite George Best trinkt in den 70-er Jahren täglich eine Flasche Schnaps. Später sagt er: "Ich habe viel von meinem Geld für Alkohol, Weiber und schnelle Autos ausgegeben - den Rest habe ich verprasst."
  • Meistertrainer Max Merkel lässt im Training die Alkoholtrinker gegen die Antialkoholiker spielen. Die Alkoholtrinker gewinnen 7:1. Danach sagt Merkel: "Sauft’s weiter".


Seit 2004 ist die Krombacher-Brauerei Trikotsponsor von Arminia Bielefeld. Auch Kinder und Jugendliche tragen diese Fan-Shirts. Als Schulleiter eines Berufskollegs in Lippstadt hatte Strutz seinen Schülern schon vor Jahren verboten, Trikots mit Alkoholwerbung auf dem Schulhof zu tragen.

Bewusste Verbindung zwischen Fußball und Alkohol

Im deutschen Fußball ist es erlaubt, Werbung für Alkohol zu machen. Ein Verbot, das es etwa in Frankreich gibt, ist 2008 von der damaligen Drogenbeauftragten der Bundesregierung, Sabine Bätzing, zwar angedacht, aber nicht ausgesprochen worden. Fällt die Werbung in den Stadien, also auf Banden oder Trikots, weg, müssten die Fußballclubs auf wichtige Einnahmen verzichten. Das Fachmagazin Sponsors hat errechnet, dass dem deutschen Sport nach einem Verbot rund 800 Millionen Euro durch die Lappen gehen würden.

Dr. Martin Reker ist leitender Arzt der Abteilung für Abhängigkeitskranke in der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie Bethel in Bielefeld. Er spricht von einem "Skandal, dass Fußballmannschaften in einer derart exzessiven Weise mit Brauereien werben." Durch Trikotwerbung werde laut Reker eine bewusste Verbindung zwischen Fußball und Alkohol geschaffen.

Arminia Bielefeld lehnt Alkoholmissbrauch und jede andere Form von verantwortungslosem Umgang mit Alkohol nach eigenen Angaben zwar strikt ab, wegdenken können sich die Verantwortlichen den Alkohol aus dem Stadion allerdings nicht. Geschäftsführer Heinz Anders: "Bier ist ein Genussmittel und ein Jahrhunderte altes Kulturgut, das für viele zum Stadionbesuch dazu gehört." Experten warnen allerdings, Alkoholwerbung suggeriere Kindern und Jugendlichen, Fußball und Bier seien eins, gerade wenn eine Profi-Mannschaft für eine Brauerei wirbt.Bei Arminia Bielefeld tragen die Jugendmannschaften und Mitglieder des "Arminis Kinder und Familien Clubs" keine Krombacher-Werbung auf ihren Trikots. Alle Mannschaften mit Spielern unter 18 Jahren haben das Logo der Deutschen Welthungerhilfe auf der Brust. Der Verein will dadurch Alkoholwerbung bei Kindern und Jugendlichen vermeiden. Allerdings sind die Trikots aus dem Fan-Shop, wie die Originale der Arminia-Spieler, mit Werbung versehen, was nach Anders "laut Sponsoringvertrag so festgelegt" ist. Einen Einfluss darauf, ob auch Kinder die Trikots mit der Krombacher-Werbung tragen dürfen, hat Arminia nicht. Anders: "Bei Kindern liegt dies in der Entscheidungsfreiheit und somit im Verantwortungsbereich der Eltern."
Perle der Natur | FOTO: CHRISTIAN WEISCHE

Wichtige Voraussetzungen für ein suchtfreies Leben

Werbeverträge mit Brauereien zu kündigen, können sich die Klubs finanziell nicht leisten. 15 Vereine der 2. Bundesliga zählen Brauereien zu ihren Sponsoren. Beim SC Paderborn tritt Warsteiner als Sponsor auf. Von 2006 an war die Brauerei zwei Jahre lang als Hauptsponsor auf dem Trikot der Profis zu sehen. SCP-Pressesprecher Matthias Hack: "Der Verein und Warsteiner orientieren sich beim Biersponsoring am Vorbild des Deutschen Fußball-Bundes. So ist die Werbung vornehmlich auf die alkoholfreie Variante von Warsteiner ausgerichtet." Auf den Trikots der Paderborner fehlt allerdings der Zusatz "alkoholfrei". Bei der DFB-Werbung für Bitburger fällt der Zusatz "alkoholfrei" kaum auf.
Ein Sponsoringverbot stellt laut Anders "vieles in Frage, was Sportvereine schon heute leisten und bieten, angefangen von der Nachwuchsarbeit bis hin zum Unterhalt des gesamten laufenden Spiel- und Sportbetriebs". Ein Verbot, das den Alkoholmissbrauch verhindern soll, würde ausgerechnet jene Institutionen treffen, die Jugendlichen und jungen Erwachsenen ein sinnvolles Freizeitangebot machen - und damit wichtige Voraussetzungen für ein suchtfreies Leben schaffen.

In Fachschriften zum Thema Alkoholkonsum bei Jugendlichen heißt es, der Alkoholwerbung komme keine kausale Auslösefunktion für den Einstieg in den Alkoholkonsum zu. Experten wie Reker wissen jedoch um die Gefahren: "Beim Fußball werden Männlichkeitsideale transportiert. Jugendliche versuchen, die Rollen der Fußballspieler zu adaptieren und identifizieren sich leichter mit dem Alkohol, wenn ihre Idole dafür werben."

Bierwerbung | FOTO: MARC KÖPPELMANN

In den unteren Ligen erfährt Werbung für alkoholische Produkte nicht die öffentliche Aufmerksamkeit, allerdings stehen die Amateur-Kicker vor einem ganz anderen Problem. Innerhalb der Mannschaften gibt es schon im Jugendbereich nach den Spielen eine Verlängerung in der Vereinskneipe. Sucht-Experte Reker sieht das problematisch: "Es gibt leistungsorientierte Mannschaften, die lernen, auf Alkohol zu verzichten, aber leider auch die, die sich als reine Spaßvereine verstehen, so genannte Saufvereine." Gerade für Jugendliche ohne Perspektive könne solch ein Saufverein zum Problem werden. "Die Trinkerei wird als Ritual nach dem Spiel im schlimmsten Fall als Modell auch für die Woche übernommen."

Eine Stunde nach dem Spiel ist die Straßenbahn voll besetzt. Fans, deren Trikots jetzt nach Alkohol und Schweiß stinken, grölen im Rudel das Vereinslied. An der Haltestelle Hauptbahnhof steigen zwei junge Fans aus. Sturzbetrunken.


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Kommentare
Alkoholismus ist weiterhin das Sozialproblem Nr. 1 in Deutschland!
Nach einem Bericht des ZDF ist die 2. Hauptursache für das Aufsuchen des Krankenhauses der Alkohol !
Nach Polizeiberichten sind zu Zeiten der Bundesligaspiele gerade auch wegen Alkoholkonsums verstärkt Polizeikräfte im Einsatz!
Die früheren DFB-Appelle "Keine Macht den Drogen" sind leider - nicht nur bei der Arminia - seit Jahren schon verhallt.

So ein Unsinn, als wir jung waren, haben wir aus Spaß an der Sache gesoffen und ich bereue keinen Moment davon! Prost!

Als ich als Mutter eines 17-jährigen Sohnes und einer 14-jährigen Tochter den Artikel gelesen habe, dachte ich: Jetzt fangen die Verantwortlichen das totale spinnen an. Was kann denn die Trikotwerbung dafür? Sind die jugendlichen Fans von Schalke, Bayern München oder Hamburg anders, weil ihre Idole andere, alkoholfreie Trikotwerbung tragen? Was macht die Werbung von ausländischen Stromriesen so viel besser? Sichern die unsere Arbeitsplätze?
Mich interessiert viel eher, wie die Kinder aus dem Beitrag an den Alkohol gekommen sind. Bei den Eltern, die selber mit ´ner Flasche in der Hand über die Straßen rennen, aus dem Keller geholt, weil es sie nicht interessiert und sie eh nicht wissen, was ihre machen und wo sie sind? An der Tankstelle, wo die 6-er Träger und Flaschen frei zugänglich im Vorraum stehen, mitgehen lassen? Im Supermarkt, in dem das Alter nicht kontrolliert wurde, gekauft? Von Volljährigen, sog. Freunden kaufen lassen?
Den Grund für den übermäßigen Alkoholkonsum von Jugendlichen in die Werbung des Breitensports abzuschieben – machen wir es uns damit nicht etwas zu leicht? Solange Alkohol nicht als Droge anerkannt ist und in der Allgemeinheit zum Guten Ton dazugehört, müssen wir uns über unsere Kinder doch nicht wundern. Was leben wir ihnen denn vor? Die direkten Bezugspersonen der Kinder sollten mehr zur Verantwortung gezogen werden: Der Trainer einer C- oder B-Jugend, der es zulässt, das seine Mannschaft mit einer Kiste Bier zum Spiel kommt. Die Lehrer, die Sekt bei Sommerfesten oder Abschlussfeiern tolerieren, die Eltern und Verwandten, die ohne Alkohol keine Feste mehr feiern können…..
Vielleicht sollte man statt den verantwortungsvollen Umgang mit Alkohol vorzuleben, auch auf Alkoholflaschen Warnsprüche anbringen und so die Sammelleidenschaft der Kinder wieder wecken, ähnlich wie bei Zigaretten?!? Aber bitte in verschiedenen Sprachen, damit es sich auch lohnt;-(;-(
Ich werde im Januar jedenfalls wieder mit meinen Kindern auf unserem Block 3 stehen und wir werden Arminia unterstützen, egal welche Trikotwerbung die Spieler tragen!

Leider wird dieses wichtige Thema von einigen auf die leichte Schulter genommen. Ich bin 46 und wenn ich ins Stadion gehe trinke ich gerne 2-3 Bierchen, mit 20 waren es waren es auch das eine oder andere mehr, was es bei mir und meinen Freunden aber nicht der Fall war das wir mit 13 oder 14 schon angefangen haben. Natürlich ist die Werbung auf den Trikots nicht alleine schuld, aber ein Puzzle setzt sich nunmal aus mehreren Teilen zusammen. Da sind die älteren die immer ein Bier in der Hand haben, da ist die Werbung die uns weißmachen will wie gut ein Bier beim Fußball schmeckt, da sind die Eltern die sich nicht mehr um ihre Kinder kümmern, und eine Gesellschaft in der Alkohol einfach dazu gehört. Wenn man ein bestimmtes Alter erreicht hat und mit Alkohol umgehen kann ist auch alles in Ordnung. Nur zeigen die Zahlen das wir immer mehr Leute im Land haben die abhängig werden. Je früher man anfängt, Alkohol zu trinken umso höher ist die Wahrscheinlichkeit abhängig zu werden. Hier wird von einigen geschrieben das Arminia und andere Vereine Millionen an der Werbung verdienen, was sicher richtig ist, aber genauso richtig ist das die Behandlung von Alkoholkranken nicht Millionen sondern Milliarden kostet. Dieses Geld müssen wir Steuerzahler aufbringen. Die Zahl der Kranken wird auf 2-3 Millionen geschätzt. Denkt mal darüber nach.

Am Thema vorbei ja, aber überflüssig mit Sicherheit NICHT ... Habe zwei Tage mit mir gerungen, ob ich den Kommentar wirklich schreiben sollte, weil mir klar war, dass er nicht zu diesem Thema passt, aber als Lippo die rethorische Frage stellte, ob wir keine anderen Probleme in Deutschland haben, musste ich diese Steilvorlage einfach aufnehmen: Einfach mal zeigen, über was für banale Schei**e (sorry) in Deutschland diskutiert wird, anstatt die wahren Probleme mal anzupacken. Sicherlich ist das nicht auf das unpassende Organspendegesetz allein beschränkt, aber es war einfach ein passendes und wohl jedem einleuchtendes Thema. Man darf dabei nicht vergessen: Die Menschen, die auf ein Spenderorgan warten, können nichts für ihre Situation, aber ein Alkoholiker, der hat sich selbst in die Schei..e geritten ...



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