Bielefeld. Thomas Gsella schreibt unter anderem für die Titanic, das "endgültige Satiremagazin". Irgendwann musste er sich einmal durch das Buch "Gib mir die Kirsche Deutschland" kämpfen, in dem sich der Alternativfußball selbst abfeiert. Aufgestoßen sind ihm bei der Lektüre vor allem die Selbstdarstellungen einzelner Mannschaften aus den bundesdeutschen Bunten oder Wilden Ligen, die vor allem eines belegen: eine zwanghafte Neigung zur humoristischen Darstellung. Taktische Formationen, Gründungslegenden, Fußballalltägliches - nichts entkam dem Zugriff der Lustigkeitsliga. Was war eigentlich zuerst da, fragte Gsella in einer Rezension verzweifelt, der Humor oder die Bunte Liga, und ließ das Fragezeichen im Raum stehen. Eine Vermutung aber konnte er sich am Schluss nicht verkneifen: "Mag sein, dass Studenten Verbindungen brauchen".
In Bielefeld hatten Studierende und andere Menschen 25 Jahre Zeit, um alternative Fußballverbindungen einzugehen. Denn so lange gibt es hier die Wilde Liga. 1975 trafen sich an der Radrennbahn, einer öffentlich zugänglichen Rasenfläche mit fünfeinhalb Fußballplätzen, regelmäßig Mannschaften aus dem Umfeld von Jugendzentren. Junge Menschen aus dem Herforder Fla Fla, dem Bielefelder AJZ oder dem Forum Enger kickten gegeneinander. Ganz ohne den Deutschen Fußball Bund. Eben selbstverwaltet wie es sich für ordentliche Jugendzentren auch ziemte. Schiedsrichter waren ebenso verpönt wie Spielerpässe, Gehaltsforderungen, Training und Funktionäre. Der Spaß am Kicken sollte im Vordergrund stehen, nicht das Leistungsprinzip.
1976 spielten 10 bis 14 Mannschaften - die Chronisten sind sich in diesem Punkt nicht einig - den ersten Meister der Wilden Liga aus. Im Laufe der Jahre wurde die Liga größer. In den 80er Jahren waren es fast 40 Teams, in den 90er schrammte man an der 50-er Grenze vorbei. In der laufenden Saison 2001/02 haben sich 41 Mannschaften angemeldet, die in drei Ligen spielen, die auf die Namen "Um die Wurst", "Fahrstuhl" und "Souterrain" hören. Die Ergebnisse und Tabellen wurden jede Woche in der alternativen Wochenzeitung "Bielefelder StadtBlatt" abgedruckt. Weil sich die dauerhafte Krise bei der letzten selbstverwalteten Zeitung der Bundesrepublik im November 2001 so zugespitzt hat, dass Herausgeber und Belegschaft eine Einstellung erwägen, musste sich der Alternativfußball nun nach einem neuen Zentralorgan umsehen. Nach 25 Jahren ist die Wilde Liga fast so etwas wie eine Bielefelder Institution - Jeder kennt sie, Jeder hat schon mal mitgespielt oder kennt Jemanden, der schon mal mitgekickt hat.Angesichts der zahlreichen Mannschaften wundert es nicht, dass Bielefelder Teams regelmäßig versucht haben, die Deutschen Alternativen Fußballmeisterschaften (DAM) zu gewinnen. Im Jahr 2001 unterlagen die Balltänzer erst im Endspiel. Nach Elfmeterschießen. 1995 gewannen die "Finsterlinge" sogar den Titel - und wurden dafür mit dem üblichen Preis bedacht. Im nächsten Jahr mussten sie die DAM in Bielefeld austragen. So fanden sich 1996 unzählige Mannschaften aus der ganzen Bundesrepublik ein, um die Plätze an der Radrennbahn umzupflügen. Noch heute werden ganze Abende damit zugebracht, alle Legenden rund um dieses Ereignis aufzuzählen. Gewonnen hatte irgendein Team, das nicht aus Bielefeld kam.
Der örtliche Zweitligist Arminia Bielefeld und die Wilde Liga haben auch ein Verhältnis. Nicht nur, dass der ein oder andere DSC-Spieler schon mal heimlich bei einem Wildligisten mitgespielt hat, man teilte vor Jahren auch die Spielplätze. Besonders der eingezäunte Bereich an der Radrennbahn sorgte in Oberligazeiten für Ärger: Wilde-Liga-Mannschaften hätten, so der damalige Vorwurf, die Trainigsplätze von Arminia so beackert, dass sie unbespielbar wurden. Als sich dann ein Arminen-Spieler beim Ausweichtraining an einem Gullydeckel böse verletzte, war die Stimmung im Keller. Beziehungsweise im Souterrain. Dieser Fall mag auf die Platzprobleme verweisen, mit denen die Wilde Liga immer wieder zu kämpfen hatte. Zwar darf offiziell jeder Bürger Bielefelds alle öffentlichen Bolzplätze nutzen, in der Realität aber gestaltet es sich alles als einfach, einen bespielbaren und zugänglichen Platz zu finden. Bislang hat es immer geklappt. Auch wenn ein Spiel schon mal zwei Stunden später als ursprünglich vorgesehen statt findet.
25 Jahre Wilde Liga, das heißt auch: 25 Jahre selbstorganisierter Fußball ohne Auswechselbegrenzung, ohne Rückpassregel, dafür aber mit überraschenden Ergebnissen und Mannschaftsnamen. "Dr.Reiner Klimke auf Ahlerich" heißt zum Beispiel ein Team in Bielefeld - ebenso übrigens wie eine Mannschaft in der Bunten Liga Köln. Unabhängig davon, ob die Hommage an den alten Piruetten-Hengst aus dem Münsterland nun ein rheinisches oder ostwestfälisches Produkt ist, der Name ist einfach gut. Hübsch klingen auch "Dieter Hoeneß Hirnverband", "Trifon Ivanov" oder "Mein Freund ist aus Leder". Die erfolgreichsten Mannschaften der Liga aber hießen anders: "Schwarz Rot Chaos", "Kraw All Stars", "U-41", "Ajax Aufruhr" beispielsweise. Sie haben sich mittlerweile alle aufgelöst. Und dann gab es auch immer Truppen, die nur kurze Zeit dabei waren: "Die Simpsons", "1.FC Schniedelwutz" oder "Bielefeld Galaxy".
Sie alle aber eint, dass ihr letzter Mann eine Frau sein konnte. Sie eint auch, dass der (oder die) Abseits brüllen durfte. Und sie verbindet, dass sie an den regelmäßigen wie berüchtigten Liga-Parlamentssitzungen in einer Kneipe im Bielefelder Westen teilgenommen haben. Sie haben sich ihren Schachtelkranz verdient.
(Quelle: aktualisierter Artikel aus Arminia-Fanzine "Um halb vier war die Welt noch in Ordnung", ursprünglich im Jahr 2000 erschienen)







