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Mal gelb, mal goldbraun, mal grün | Foto: Tom Sundermann

Riga. Früher hinter dem Eisernen Vorhang, heute Ziel für Kulturtouristen: Riga ist im Jahr 2014 europäische Kulturhauptstadt. Die lettische Metropole ist im Wandel – und veränderte zuerst die Hinterhöfe in den Wohnblocks. Gleichzeitig stellt Lettland das Symbol seines Nationalstolzes vor: den Bernstein.

Als die Bürger von Riga vor vier Jahren erfuhren, dass ihre Stadt zur Kulturhauptstadt 2014 wird, machten sie sich nicht daran, ihre Theater aufzuhübschen. Sie begannen auch nicht, eiligst neue Museen zu bauen. Die Bürger von Riga pflanzten erstmal Gemüse in ihren Hinterhöfen.

"Wir wollen hier nicht nur Hochkultur machen. Wir wollen dahin gehen, wo die Menschen wohnen und etwas an ihrer Lebensqualität ändern", sagt Anna Muhka, die Kommunikationschefin des Kulturhauptstadtjahres. Den Titel trägt Riga gemeinsam mit der schwedischen Stadt Umea. Mehr als 200 Veranstaltungen haben die Organisatoren in das Jahr gepresst, Opern, Konzerte, Ausstellungen. Aber erst ging es eben ums Gemüse.

Denn Hinterhöfe in Riga sehen oft schmuddelig aus, sind vollgeparkt und mit Pfützen übersät. Doch Muhka wollte nicht, dass die Stadt sich für die Touristen herausputzt, sie wollte, dass die Nachbarn in ihren Höfen zueinander finden. Also schrieb sie einen Wettbewerb aus. Die Mieter von Wohnblocks konnten sich mit Ideen bewerben und bekamen dafür Unterstützung von Studenten. Die Autos verschwanden, die Nachbarn legten Beete an und pflanzten Gemüse. Oder sie stellten Bänke auf für die Senioren oder Spielplätze für die Kinder.

Riga, das war klar, sollte einen Schritt nach vorn machen. Zwischen bröckelnden Fassaden und Trolleybussen weht dem Besucher noch heute ein Hauch des sowjetischen Geistes entgegen, der das Land bis zum Fall des Eisernen Vorhangs 1991 fest im Griff hatte. Aber: Der Hauch wird schwächer. "Wir sind immer Europäer gewesen, auch in der Sowjetzeit", sagt Muhka, "jetzt ändern wir uns tagtäglich zum Besseren." Seit Januar dieses Jahres gilt der Euro.

 Die junge Generation von Letten, die die Zeit der Sowjetunion nicht mehr kennt, unterscheide sich nicht von anderen Europäern.
Doch sollte das bedeuten, dass Lettland sich vor den Kulturtouristen verleugnet? Den Nationalcharakter hinter einer Fassade aus blinder Europabegeisterung verbirgt? Nein, die Besucher sollten im Programm über bewusst lettische Aspekte stolpern. Und nichts ist so typisch lettisch wie Bernstein – Harz, das aus Bäumen austritt und gerinnt, anschließend im Waldboden zu einem harten Stein gepresst und später auf dem Seeweg an den Stränden der Ostsee angespült wird. Der Stein war mal wichtigstes Handelsgut des Baltikums, die erste Währung Lettlands."Wir sind das Land des Bernsteins, kein Zweifel", sagt Juris Salaks, Kurator einer Ausstellung des Museums für Medizingeschichte. Er hat etliche Exponate zusammengetragen, die echte und angebliche Heilkräfte des Bernstein nutzbar machen sollen. Etwa eine Bernsteinpfeife, die Nervenkrankheiten lindern sollte, wenn man darin Tabak raucht. Oder ein Gerät zur Bluttransfusion, in dessen Bernsteinbehälter das Blut langsamer gerinnt. "Es gibt viele Legenden darüber, in den meisten geht es um Schutzkräfte", erzählt Salaks.

Der Bernstein ist für Lettland wie Bier für Deutschland oder Wein für Frankreich. Schon in der Antike sammelten die Balten das Harzgestein, um daraus Schmuck zu machen – in der lettischen Geschichte ist er das verbindende Moment. Heute sitzen an den Straßen Rigas Kunsthandwerker, die den Stein zu Ketten, Amuletten oder Armbändern verarbeiten – stets tänzelnd auf der Grenze zwischen Kunst und Kitsch.

Das Funkeln des Steins in Tönen von Gelb über Goldbraun bis Grün, gelegentlich mit eingeschlossenen Abdrücken von Insekten, ist eine Faszination, ähnlich dem Feuer eines Diamanten oder dem Glänzen von Gold. "Im Mittelalter war der Stein wichtig, im 19. Jahrhundert flaute der Kult dann ab", sagt Salaks. Heute aber sei durchaus eine Renaissance zu spüren, begründet vielleicht auch darin, dass jedes Stück Bernstein ein Unikat ist, einzigartig.

Damit passt er nach Meinung von Organisatorin Anna Muhka bestens zu Riga: "Die Stadt hat Ecken und Kanten, das macht ihren Charme aus", sagt sie. Nun gilt es, diese Anziehungskraft in Touristenströme umzumünzen. In den Jahren 2012 bis 2014 investiert die Stadt 23 Millionen Euro in ihr Kulturprogramm. Im ersten Quartal seien nicht sonderlich mehr Gäste als üblich gekommen, sagt Muhka, doch der Besuchertypus habe sich gewandelt: Es kamen weltoffene, gebildete Bürger – jene, als die Muhka gerne auch die Einwohner von Riga sehen will.

"Aus der älteren Generation gibt es viele, die keine Fremdsprache sprechen und Angst vor dem Fremden haben", sagt sie. Für manche in Riga ist die Bekanntschaft mit anderen Europäern noch ein zartes Pflänzchen. Es wächst in den Hinterhöfen.

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Wer einen deutschsprachigen Kulturhauptstadt-Rundgang durch Riga machen möchte: Link unterdrückt


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