INTERVIEW: Psychiater Wolf Müller sieht Zusammenhang zwischen Medikamenten und Mordsucht
Bünde. Der Ruf nach schärferen Gesetzen für Waffenbesitz oder nach einem Verbot gewaltverherrlichender Videospiele wird laut, sobald wieder ein Schüler Amok gelaufen ist. Die Ursache für die Explosionen der Gewalt könnte jedoch ganz woanders liegen, vermutet Wolf Müller, Chefarzt der Psychiatrischen Tagesklinik Bünde, einer Einrichtung des Herforder Klinikums. Über mögliche Wirkungen von Psychopharmaka sprach Gerald Dunkel mit dem Psychiater.
Herr Müller, fast allen Amokläufern, die in den vergangenen Jahren traurige Berühmtheit erlangten, ist eines gemein: Sie waren wegen Depressionen in psychiatrischer Behandlung. Sind psychisch Kranke eine Bedrohung für andere Menschen? WOLF MÜLLER: Dass diese Frage politisch irgendwann thematisiert wird, macht mir Sorge. Dass gesagt wird: "Seht her, die psychisch Kranken sind gemeingefährlich. Die müssen alle weggesperrt werden." Ich arbeite seit 1974 in der Psychiatrie und kann mit Bestimmtheit sagen: Psychisch Kranke sind nicht gefährlich.
Was treibt Amokläufer an? MÜLLER: Ich will nicht behaupten, dass es der einzige Grund ist, aber es fällt auf, dass gerade in den vergangenen Jahren bei den Amokläufern hier bei uns, in Finnland, Belgien oder auch in den USA immer eine psychische Erkrankung eine Rolle gespielt hat, die in die depressive Richtung ging. Und alle wurden medikamentös behandelt.
Info
Antriebssteigernde Wirkung
SSRI steht für "Selective Serotonin Reuptake Inhibitor" (selektiver Serotonin-Wiederaufnahmehemmer). Antidepressiva dieser Gruppe erhöhen den Serotoninspiegel im Gehirn und wirken antriebssteigernd. Störeffekte können Aggressivität und Psychosen sein. Das belegen Berichte aus der Zeit kurz nach Einführung von Medikamenten der SSRI-Gruppe Anfang der 90er Jahre.
Antidepressiva allgemein sorgen dafür, dass Botenstoffe wie Serotonin, Dopamin, Histamin, Noradrenalin durch Hemmung der Wiederaufnahme in ihren Speichern länger am Wirkort bleiben, oder sie erhöhen die Ausschüttung dieser Stoffe. Die älteren tri- und tetrazyklischen Präparate wirken, anders als SSRI, nicht nur im Serotonin-, sondern in mehreren Botenstoffsystemen.
Welche Medikamente werden da in der Regel verabreicht? MÜLLER: Es gibt Antidepressiva, die im Verdacht stehen, auch Aggressionen auszulösen und sogar süchtig zu machen. Das sind die sogenannten selektiven Serotonin-Wiederaufnahmehemmer, SSRI genannt. Sie werden derzeit am häufigsten gegen Depressionen eingesetzt. Es steht aber schon im Beipackzettel, dass nach der Einnahme die Gefahr von aggressiven Durchbrüchen besteht. Ein Amoklauf wäre dafür ein Beispiel.
Wie häufig treten diese Nebenwirkungen auf? MÜLLER: Nicht bei jedem, aber doch bei vielen und bei Jugendlichen vermehrt. Warum das so ist, ist noch nicht bekannt.
Dann sind die neueren Antidepressiva Ursache für Gewalt? MÜLLER: Ich will Antidepressiva nicht verteufeln, aber ich wage zu behaupten – weil es den begründeten Verdacht gibt –, dass Amokläufe zugenommen haben, seitdem in den neunziger Jahren diese SSRI-Präparate auf den Markt gekommen sind.
Welche Alternativen gäbe es zu SSRI-Präparaten? MÜLLER: Es gibt ältere Präparate mit etwas anderer Wirkungsweise, von denen die beschriebene aggressiv machende Wirkung nicht bekannt ist.
Warum schaut die Politik nicht in diese Richtung? Warum hört man von den öffentlich auftretenden Amok-Experten nichts darüber? MÜLLER: Ich kann nicht beweisen, sondern nur vermuten, dass dahinter eine Pharmalobby steht, die den Verdacht, ein SSRI-Präparat könnte eine Ursache für Gewaltausbrüche sein, gleich von vornherein abbügelt.
Wären Schulen darüber informiert, dass ein Schüler wegen Depressionen medikamentös behandelt wird, könnte das doch vorbeugen. Wie denken Sie darüber? MÜLLER: Das kann ich mir wegen der ärztlichen Schweigepflicht nicht vorstellen. Niemand weiß, wie mit diesen Informationen umgegangen würde. Unter Umständen könnte das dem Schüler sogar schaden.
Verabreichen Sie selbst Ihren Patienten SSRI-Präparate? MÜLLER: Nein. Es kommen zwar Patienten, die zuvor von Kollegen mit SSRI behandelt wurden, aber ich sage ihnen dann, dass mir das Risiko zu groß ist, sie damit weiterzubehandeln. Ich bitte diese Patienten, sich damit einverstanden zu erklären, das Mittel abzusetzen. Und nach einiger Zeit schauen wir, wie es ihnen geht. Stellt sich heraus, dass sie weiterhin ein Antidepressivum brauchen, verordne ich die lange erprobten tri- und tetrazyklischen Antidepressiva, zum Beispiel Amitriptylin (siehe Infokasten).
Inwieweit spielen gewaltverherrlichende Videospiele oder zu lasche Waffengesetze eine Rolle als Ursache für die Amokläufe? MÜLLER: Sehen Sie doch nach Japan. Dort sind diese Spiele mittlerweile zu einer echten Volksseuche geworden. Ich habe aber nicht das Gefühl, dass dort mehr Amokläufe passieren als hier.
Und die Waffengesetze? MÜLLER: In Ansbach ist vor zwei Wochen genau das passiert, was ich schon nach dem Amoklauf in Erfurt gesagt habe. Alles rief nach härteren Waffengesetzen, aber die Waffen waren nur Mittel zum Zweck. Ich habe damals gesagt: "Wenn es keine Schusswaffen sind, nimmt der Nächste eben eine Axt." Genau das ist in Ansbach geschehen. Dafür musste man kein Prophet sein. Und Molotowcocktails kann man sich mit Mitteln aus dem Supermarkt basteln.
Wie leicht ist es, an Antidepressiva, speziell die SSRI, zu kommen? Sie dürfen ja von jedem Arzt verordnet werden, egal welcher medizinischen Disziplin. MÜLLER: Das ist ein weiteres Problem. Diese Medikamente werden mittlerweile fast nach dem Gießkannenprinzip verschrieben. Kommt ein Patient in die Praxis seines Hausarztes, hat dieser heute ja auch kaum noch die Zeit, die Ursache für den schlechten Stimmungszustand oder für die Abgeschlagenheit zu ergründen. Da bekommt dann jemand, der vielleicht nur einmal etwas Ruhe braucht, schnell ein Rezept für ein Psychopharmakon.
Schrift
Kommentare
vaughn schrieb am 04.10.2009 20:26 Uhr
@jens: Eines hatte ich noch vergessen, nämlich Deine Einstufung der Depressionen als "Volkskrankheit". Du solltest daran denken, dass die Depressionen, die als "volkskrankheit" bezeichnet werden, mit sicherheit keine so schwerwiegenden psychischen erkrankungen sind, die mit SSRI behandelt werden müssten, weil sie vielleicht keine richtigen Depressionen sind. Vielleicht bist Du selbst auch ein Beispiel dafür, dass das Zeugs viel zu schnell auf'm Rezeptblock steht. Nimms nicht persönlich, aber ein Freund bzw. eine Freundin (beide schwer gestresste selbstständige, denen diese Pillen verschrieben wurden, obwohl sie nur völlig überarbeitet waren) waren einfach nicht die richtige Klientel für SSRI. Nachdem das Zeug abgesetzt war, ging's ihnen nach ein paar wochen wieder gut.
vaughn schrieb am 04.10.2009 20:07 Uhr
@jens: Deswegen steht da ja auch, dass es nicht bei jedem auftritt. Dass es bei der einnahme aber zu aggressiven durchbrüchen kommt, steht nunmal auch im beipackzettel, wenn ich das gerade richtig lese. Wer darüber von seinem Arzt nicht informiert wurde, sollte vielleicht nochmal direkt danach fragen. Erfahrungen aus meinem Bekanntenkreis belegen, dass es absolut kein "Unsinn" ist, was hier steht. Wenn es bei demjenigen bzw. derjenigen auch nicht unbedingt zu einem Amoklauf kam. Gravierende charakterliche Veränderungen waren allerdings schon - und nicht in unerheblichem Umfang - zu bemerken. Und in beiden Fällen kam die Ärzte (es waren beide keine Psychologen oder Psychiater) in Erklärungsnot, als sie nach den Nebenwirkungen gefragt wurden. Also: nur weil es bei einem selbst nicht so ist, muss es bei anderen nicht genauso sein. Natürlich ist auch die Situation an den Schulen ein Faktor, der nicht unterschätzt werden sollte. Aber dieser Situation sind nun viele ausgesetzt, die nicht mit Pump-Gun, Revolver oder Axt durch die Gegend laufen. Dass es aber immer Schüler waren, die in Behandlung gewesen sind, ist wohl schon auffällig. Das wird hier beim Lesen schon deutlich und lässt sich wohl auch kaum verleugnen.
Jens schrieb am 04.10.2009 13:40 Uhr
So einen Unsinn habe ich schon lange nicht mehr gelesen. Ich kenne viele Menschen die SSRI's einnehmen (Depression ist immerhin eine Volkskrankheit) - inklusive mir selber. Davon ist allerdings noch kein einziger durch agressives Verhalten oder Amokläufe ausgefallen. Warum kommt in der gesamten Diskussion eigentlich nie die Atmospäre an den Schulen zur Sprache: Das was in Schulen als Mobbing unter den Schülern abläuft hätte in jeder Firma schon längst zu einem Gerichtsverfahren geführt. Kein Wunder das dann mal der Ein oder Andere durchdreht.