Sonnabend, 26.05.2012
Homepage-Ticker | RSS | Twitter | Impressum | Kontakt | AGB | Mediadaten


Schrift

27.01.2012
DETMOLD
Psychologie-Professor Jan Ilhan Kizilhan über "Ehrenmorde" und den Fall Arzu Özmen
"Es geht immer um Besitz"

Untersuchte Gewalttaten | FOTO: PRIVAT

Bielefeld. Der Fall Arzu Özmen heizt die Debatte um so genannte Ehrenmorde weiter an. Wie wird ein Mann zum "Ehrenmörder"? Der Psychologie-Professor Jan Ilhan Kizilhan leitet an der Universität Freiburg die Arbeitsgruppe Migration und Rehabilitation und hat die Sozialisation und Überzeugung von 21 türkischstämmigen Männern untersucht, die wegen Mordes an Angehörigen in Deutschland in Haft sitzen. Laut seiner Studie wird die Zahl ähnlich gelagerter Fälle weiter zunehmen, sagt Kizilhan im Gespräch mit Sandra Spieker.

Herr Kizilhan, wie beurteilen Sie den Fall Arzu Özmen ?
JAN ILHAN KIZILHAN: Neu ist an diesem Fall, dass anscheinend Mitglieder der zweiten Generation einer Migrantenfamilie, die in Deutschland aufgewachsen sind, an der Tat beteiligt waren. Sonst sind es meist Familienmitglieder der ersten Generation, die solche Taten durchführen. Neu ist auch, dass wohl gleich vier oder fünf Familienmitglieder gemeinsam agiert haben. Sonst ist es so, dass sich nur ein Mitglied zur Tat auserkoren sieht oder von der Familie angeordnet wird, die Tat zu begehen.

Fotostrecke
Klicken Sie auf ein Foto, um die Fotostrecke zu starten (21 Fotos).

Wer ist für Sie ein "Ehrenmörder" und welche Vorstellungen von Ehre hat so jemand?
KILZILHAN: Das sind Personen, die ihre Normen und Werten so sehr verletzt sehen, dass sie sich sich dazu legitimiert fühlen, sie durch die Tat wieder herzustellen. Diese patriarchische Vorstellung von Ehre ist eng verbunden mit der Sexualität. Wenn sich eine Frau abnabelt und sich sexuell frei verhält, fühlt sich der Mann verpflichtet zu handeln, um die Ehre wieder herzustellen. Es geht in hohem Maße immer um Besitz: Er will zeigen, dass er die Kontrolle über sein Eigentum, die Frau, hat, ansonsten gilt er für die Gesellschaft als schwach und wird von ihr abgelehnt.

Sind die Taten religiös bedingt?
KIZILHAN: Sie werden so interpretiert. Dabei sind sie eine viel ältere Tradition, die in manchen Gesellschaften noch akzeptiert wird. Solche Fälle gibt es sogar in manchen christlichen Kulturen.

Bei einem Mord innerhalb einer Familie deutscher Herkunft würde man von einer Beziehungstat sprechen. Was ist hier anders?
KIZILHAN: Da gibt es psychische Unterschiede. Bei einem deutschen Ehemann geht es um einen inneren Konflikt, ausgelöst durch Eifersucht oder Verlust. Bei einem Ehrenmörder spielt auch der soziale Konflikt eine Rolle, die Gruppe. Es dreht sich alles um die Frage: Was denken die Verwandten? Sind wir schwach?

In Ihrer Studie sagen sie voraus, dass die Zahl solcher Morde in Deutschland in den nächsten 15 Jahren weiter steigen wird. Woran machen Sie das fest?
KIZILHAN: Es geht dabei um einen Generationenkonflikt. Die ältere Generation verliert an Macht, die nachfolgende Generation will ihre behaupten. Das führt zu einer Übergangsphase mit Krisen. Erst wenn die dritte oder vierte Generation selbst erwachsene Kinder hat, kann ein e Mentalitätsänderung erfolgen.

Was kann getan werden, damit es nicht zu "Ehrenmorden" kommt?
KIZILHAN: Verhindert wird das nur durch Mentalitätsänderung. Durch Aufklärung in Schulen, Kindergärten. Jugendliche müssen zu Multiplikatoren werden. Die meisten haben keine wirkliche Kenntnis über den Ehrbegriff, sondern führen einfach Taten aus. Die Aufklärung muss auf jeden Fall von innen, aus der eigenen Kultur, kommen - über Dritte wird es schwierig. Aber so lange einige Menschen solche Morde heimlich begrüßen, wird es sie weiter geben.

Hätte der Mord an Arzu Özmen verhindert werden können?
KIZILHAN: Sie hätte sich vielleicht von ihrer Familie komplett abnabeln und weit wegziehen müssen. Die erste Phase nach der Trennung ist die gefährlichste. Sie hat die Warnungen im Frauenhaus offenbar nicht ernst genug genommen.

Mehr zum Thema in nw-news.de
Kommentare
Leider gibt es im deutschen Gesetz keine angemessene Strafe für derartige Taten. In den USA würde die gesamte Familie - als Mitwisser und -täter - genauso hart bestraft, wie der sich letztlich die Hände schmutzig gemacht hat. Hier wird bestenfalls der Hauptäter für 17 Jahre weggesperrt. Er wird sich dafür als Märtyrer sehen und auch noch stolz darauf sein. Der Rest der Familie bekommt eine Bewährungsstrafe.
(...)
Übrigens ist "Ehrenmord" ein absolut zynisches Oxymoron so wie "Bombing for Peace".

@lekrid12
völlig richtig... Yeziden haben nichts mit Moslems zu tun... ganz im Gegenteil.
Ich finde es generell einen Zustand, dass in einem doch so "freien" Land, Frauen verkauft werden... andere mögen es netter ausdrücken und es "Brautgeld" nennen. Da sieht man, wie viel eine Frau in solch einer Gesellschaft an Wert hat. Es mag makaber klingen, aber im Grunde wird die Frau wie ein Gegenstand von der eigenen Familie verkauft. Als hätten sie ein Anrecht auf ihren Körper. Ich denke, dass ich nicht die Erste bin, die diesen Gedanken hat und ich finde, dass man genau bei solchen Punkten anfangen muss zu handeln. Frauen sind kein Besitz. Niemand hat ein Anrecht auf einen anderen Menschen. Gleichberechtigung ist hier ein ganz wichtiges Wort!

Ich finde es gut, dass die NW sich dazu entschieden hat, bei diesem Beitrag Kommentare zu zulassen. Ich hab selbst in einer Beziehung mit einem Jesiden gelebt und habe die Wertvorstellungen von ihm und auch des jesidischen Freundeskreises miterleben müssen, bis ich es nicht mehr ertragen konnte. Der Gedanke, dass Ehrenmorde in zweiter Generation also "neu" zu sehen sind, finde ich falsch . Es gibt fürchterliche Einstellungen, auch von zweiter Generation... Ich musste miterleben, dass viele jüngere genau die gleiche Einstellung zu Ehrenmorden haben, sie als gerechtfertig sehen, sie für gut heißen...die Frau wird häufig als minderes Wesen gesehen. Dies ist nicht nur ein Problem der ersten Generation. Das fehlerhafte Festhalten am Glauben ist auch in der heutigen Zeit bei den Jugendlichen sehr ausgeprägt. Mir zerreisst es das Herz zu sehen, wie ein so hübsches, junges Mädchen aus dem Leben gerissen wird und das nur aus falsch verstandener Ideologie.

Das ist die Tragik die sich ergibt, wenn Menschen geradezu fanatisch darum kämpfen ihren und den Horizont ihrer Mitmenschen zu beschränken. In dieser Tragödie kommt jetzt auch noch diese skurrile Diskussion darüber auf, ob der kopflose Leichnam der Familie hätte gezeigt werden dürfen. Ich denke, aus Sicht der Menschen, die die klügeren und fortgeschritteneren sein wollen, hätte es nicht passieren sollen. Aber im Hinblick auf die Tat und dass sie wahrscheinlich von Familienmitgliedern verübt wurde, bleibt mir nur zu sagen - man erntet was man sät.

an Unverständnis -
Bei dem Artikel geht es um Ehrenmorde!

Nicht speziell um den Fall Özmen, der natürlich unheimlich traurig ist und die Menschen und auch mich sehr bewegt.

Und wenn ich dann hier lese - Zitat >

erstaunlich das bei jedem angeblichen "ehrenmord" so ein fass aufgemacht wird. aber bei den
deutschem "familiendrama" interessiert sich keine sau dafür.

- dann sträuben sich mir die Nackenhaare.

Man kann doch nicht Ehrenmorde die kulturellen mittelalterlichen Hintergründen entspringen - mit westlichen individuellen Tragödien vergleichen! -

In dem Satz steckt - "warum kümmert Ihr euch nicht um euren eigenen sch.... - ist doch halb so schlimm und überhaupt die Medien machen uns schlecht weil wir Kurden/Türken/Araber sind. Wir sind alle nur Opfer der Medien"

Und genau das stimmt nicht!

Das gelungene Interview von Herrn KIZILHAN sollte am besten ganz offensiv an öffentlichen Einrichtungen verbreitet und diskutiert werden. Es ist wichtig den häufig sehr aufgeschlossenen jungen Menschen dieses strengen Umfeldes, genau klar zu machen, dass wir hier in 2012 mit WEB 2 etc. .leben, und die mittelalterlichen Ansichten und auch Taten - (häusliche Gewalt ist oft anzutreffen) ihrer Eltern-und Großeltern häufig menschenverachtend sind. Die Jugendlichen stecken zwischen den Stühlen - das ist ein ganz grosses Problem unserer Gesellschaft!



 Seite 1 von 5
weiter >
  >>



Anzeige